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10.09.2019 | Zeitungsbericht, Autor: Stephan Herbert Fuchs

Humanitäre Katastrophe ohne pflegende Angehörige

Fachgespräch mit dem Vorsitzenden des Landesgesundheitsrates Klaus Holetschek

Bayreuth. Ärztemangel, Pflegenotstand, Krankenhausschließungen: Themen gab es genug, beim Fachgespräch mit dem Vorsitzenden des Landesgesundheitsrats und Bürgerbeauftragten der Bayerischen Staatsregierung Klaus Holetschek, zu dem die Landtagsabgeordnete Gudrun Brendel Fischer eingeladen hatte. 

Thema Nummer eins für die rund 60 Vertreter von Sozial- und Wohlfahrtsverbänden, Selbsthilfegruppen sowie aus den Bereichen Gesundheit und Pflege war der Pflegenotstand. Das Bewusstsein für das Thema sei vorhanden, sagte Holetschek, allein zu der Frage, was Pflege kosten darf, gebe es keinen Konsens. Als kleinen Baustein zur Aufwertung des Pflegeberufs bezeichnete Holetschek die Akademisierung. Gut gemeint sei die Einführung von Untergrenzen in Einrichtungen, doch fehlte es schlicht und einfach an den entsprechenden Bewerbern. Nichts hielt der Bürgerbeauftragte von der Anwerbung ausländischer Pflegekräfte, auch wenn man derzeit nicht darum herumkomme. Im Kern müsse man sich verständigen können, daran scheitere die Beschäftigung ausländischer Pflegekräfte in vielen Fällen.

Holetschek, der zwölf Jahre lang Bürgermeister von Bad Wörishofen war, rief dazu auf, die Arbeit der pflegenden Angehörigen mehr zu schätzen. „Wenn und diese Gruppe wegbricht, dann haben wir eine humanitäre Katastrophe“, so der Redner. Der Freistaat Bayern habe deshalb das Landespflegegeld eingeführt, mit dem die Pflegebedürftigen 1000 Euro jährlich erhalten. Als weitere Leistungen zur Verbesserung der Situation kranker, behinderter und pflegebedürftiger Menschen nannte er die Förderprogramme für Hebammen, für Kurzzeit- und für stationäre Pflege sowie die Erhöhung des Blindengeldes.

Um ein Signal gegen den Ärztemanngel zu setzen, habe die Staatsregierung nicht zuletzt auch die Landarztquote als ersten Schritt eingeführt. Die Abitur-Note sei damit nicht mehr entscheidend, wenn sich der Medizinstudent verpflichtet, in einem ländlichen Raum niederzulassen, der unterversorgt ist, oder bei dem die Unterversorgung droht.

Der Hausärztemangel sei bereits da, der Fachärztemangel komme erst noch, sagte Dr. Ulrich Megerle, Gynäkologe und Vorsitzender des Ärztlichen Kreisverbandes. Seinen Worten nach befinden sich gerade viele Fachärzte in einer sehr prekären Situation, viele könnten überhaupt nur noch durch die Quersubventionierung mit Privatpatienten ihre Praxen aufrechterhalten.

Was Krankenhäuser angeht, sprach sich Holetschek für die Aufrechterhaltung einer wohnortnahen Versorgung aus. „Ich will nicht, dass wir im ländlichen Raum Häuser schließen“, sagte er. Auch die Privatisierung von Kliniken sei nicht das Allheilmittel. Notwendig seien dagegen die Nutzung von Synergien, eine verstärkte Zusammenarbeit der Kliniken und da und dort auch Verbundlösungen.

Unterm Strich stehe man auf dem gesundheits- und Pflegesektor vor riesigen Herausforderung, vor allem wenn es darum gehen soll, das derzeitige System aufrechtzuerhalten. Bei allen Überlegungen dürfe man allerdings vergessen, dass es nicht um Maschinen oder um Dinge, sondern um Menschen geht, und zwar um Menschen in einer immer älter werdenden Gesellschaft. Holetschek: „Wir müssen alle Kräfte bündeln, denn hier ist ein Kernbereich der menschlichen Existenz betroffen“.

Text: Stephan Herbert Fuchs